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Eine Reise durch die Neufahrner Zeitgeschichte Wer war eigentlich…?

Kategorie: Veranstaltungen Veröffentlicht: 15. November 2019

Diese Frage stellen sich viele Neufahrner früher oder später. Schließlich tragen aktuell 48 der 224 verzeichneten Straßen, Wege und Plätze in Neufahrn, den Vor- und Nachnamen einer realen Person.

Diese Liste soll im Neubaugebiet Neufahrn-Ost nun weitergeführt werden. Der Gemeinderat möchte dort vier Straßen nach wichtigen Neufahrner Persönlichkeiten benennen. Wer könnte da bessere Vorschläge liefern als der Heimat- und Geschichtenverein Neufahrn e.V.? Die fünf vorgeschlagenen Namen wurden prompt angenommen. Richtig gelesen, fünf. Im Süden Neufahrns gibt es ebenfalls einen neuen Weg, der einen Namensgeber suchte.

 

Doch wer waren diese Personen und was haben sie für die Gemeinde geleistet? Dies und mehr beantwortete Ernest Lang, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtenverein Neufahrn e.V., am 12. November im Gasthaus Maisberger. Bei seinem Vortrag „Neufahrner Zeitgeschichte: Vergessene Persönlichkeiten" nahm er das interessierte Publikum mit auf eine Reise durch längst vergangene Zeiten.

Der zukünftige Martin-Bichlmeier-Weg soll an den ersten Bürgermeister nach dem zweiten Weltkrieg erinnern, der mit vollem Einsatz versuchte, die Kriegsnachwirkungen in den Griff zu bekommen.

Die Joseph-Grimmer-Straße erinnert an den Bürgermeister, der die königlich, bayrische Post nach Neufahrn brachte, das erste Leichenhaus baute und der damals heimatlosen Feuerwehrspritze ein Zuhause gab.

Die Matthias-Kratzl-Strasse soll an den, von den Nazis gestürzten Bürgermeister erinnern, der Neufahrn nach 700 Jahren vom Pfarrbezirk Eching löste.

Die Pfarrer-Franz-Götzberger-Strasse erinnert an den fotoscheuen Geistlichen, der nicht nur als jüngster Pfarrer des Dekanats Freising, von sich reden machte. Das Pfarrzentrum ist ihm ebenso zu verdanken, wie Neufahrns erster Kindergarten.

Die Josef-Plessl-Strasse gedenkt dem bescheidenen Kirchenpfleger und Ortschronisten, der das gesellschaftliche Leben nach dem Krieg in Neufahrn wieder zum Laufen brachte.

Untermalt mit Originalaufnahmen erweckte Ernest Lang die (fast) vergessenen Persönlichkeiten zum Leben. Nicht nur Bürgermeister Heilmeier folgte dem Vortrag gespannt. Auch Zeitzeugen und Nachfahren der geehrten Personen lauschten und ergänzten mit persönlichen Geschichten den Abend.

Denn auch heute noch gilt „Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern" – frei nach André Malraux.

 

Wer wird hier eigentlich geehrt?

(leider kein Foto vorhanden)

Martin Bichlmeier
*1884 +1950
1. Bgm. 1945 - 1946
Der gebürtige Reinhardshausener gilt als Mitbegründer der CSU.
Zu Kriegszeiten von den Nazis heftig kritisiert, setzen ihn die Amerikaner 1945 per Anordnung als ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ein. Mit zu seinen größten Aufgaben zählte die Versorgung der KZ-Gefangenen und der Kriegsflüchtlinge. 0,5 Liter Milch sollte jeder pro Tag erhalten, in der Nachkriegszeit kein einfaches Unterfangen. Auch die Sicherheitslage stellte sich nach Kriegsende problematisch dar und so gründete Bichlmeier eine Nachtwache und eine Hilfspolizei, die die Sicherheit der Bürger gewährleisten sollten.
Als Mitglied der „Spruchkammer für die Entnazifizierung" musste er über alle ehemaligen NSDAP Funktionäre Bericht erstatten. Ebenfalls eine eher unangenehme Aufgabe, da sich auch direkte Nachbarn darunter befanden. Bei der Bürgermeisterwahl 1946 kandidierte er nicht.

 

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Pfarrer Franz Götzberger
* 1908 + 1996
Pfarrer 1954 - 1969
Der aus dem Kreis Traunstein stammende Geistliche machte nicht nur als jüngster Geistlicher (mit 45 Jahren) im Dekanat Freising von sich reden.
Er errichtete 1958 das Pfarrzentrum, ebenso wie Neufahrns ersten Kindergarten. Die Notwendigkeit dessen, wurde damals stark kritisiert und auch eine Örtlichkeit wurde nicht gefunden. So stellte Götzberger selbstlos 2000 qm² seines Pfarrgartens zur Verfügung und der Kindergarten konnte doch gebaut werden. Auch der Franziskussaal ist ihm zu verdanken, ebenso wie viele der heute noch bestehenden Wohnsiedlungen, die ebenfalls auf Kirchengrund gebaut wurden. Ganz im Sinne der Nächstenliebe überließ er der evangelischen Kirchengemeinde bis zur Fertigstellung der Auferstehungskirche, Räumlichkeiten für deren Gottesdienste. Götzberger wurde bereits mit der Ehrenbürgerschaft und der goldenen Bürger- Medaille Neufahrns geehrt.

 

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Joseph Grimmer
*1849 +1904
1. Bgm. 1874 - 1904
Der Mintrachinger ist noch heute der Bürgermeister mit der an der längsten, ununterbrochenen Amtszeit in Neufahrn.
1878 holte er die königlich bayrische Post in den Ort. Bis dahin mussten Briefe noch umständlich nach Unterschleißheim gebracht werden. Briefe nach Neufahrn kamen ebenfalls nur sehr selten an. Während seiner Amtszeit wurde auch ein neues Leichenhaus errichtet. Ebenso wie ein eigenes Gebäude für die Feuerwehrspritze, die bis dahin umständlich im Kirchenturm gelagert wurde.
Die Renovierung der Wilgefortis- Kirche ist Grimme außerdem zu verdanken. Kinderlos geblieben, teilte er 1896 die Sommerferien in zwei Teile. Hintergrund waren die damaligen Erntezeiten, bei denen die Kinder noch stark mit eingebunden waren. Dies wurde 3 Jahre lang so umgesetzt. Doch nicht nur als Bürgermeister wurde er bekannt. 1898 wurde der Schmiedemeister auf dem Oktoberfest mit der silbernen Vereinsgedenkmünze für seine hervorragenden Leistungen im Hufbeschlagwesen ausgezeichnet.

 

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Matthias Kratzl
*1869 +1933
1. Bgm. 1919 - 1933
Der 15-fache Vater war bereits als zweiter Bürgermeister beim Bau des Schulhauses, heutiges JUZ, 1908 bis 1910 beteiligt. Zu Beginn seiner Amtszeit 1919, als erster Bürgermeister, machte er sich die Ablösung von der Pfarrgemeinde Eching zur Aufgabe. Untertänig treib er seine Pläne beim Bistum voran. 1921 wurde er erhört und die 700 Jahre lange Verbindung wurde gelöst und Neufahrn gründete eine eigene Pfarrei. Auch der Kauf des alten Benefiziaten- Hauses, indem später die Gemeindekanzlei eingerichtet wurde, ist auf den gebürtigen Hetzenhausener zurückzuführen.
Seine Amtszeit wurde 1933 durch Mitglieder der NSDAP brachial beendet. Seine Verdienste jahrelang verschwiegen. Dies wurde auch bei seiner Grabesrede deutlich, in der der damalige Geistliche predigte
„Undank ist der Welt Lohn".

 

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Josef Plessl
*1886 +1968
Kirchenpfleger & Ortschronist
Der gebürtige Neufahrner verfolgte, beobachtete und berichtete über die Ereignisse seiner Zeit. Noch heute profitiert man von seinen Schriften. Leider lassen sich die meisten dieser Berichte nicht mehr exakt zurückdatieren. Auch seine Zeit als Kirchenpfleger kann nicht genau benannt werden. Man geht jedoch davon aus, dass er das Amt seit Gründung der Pfarrei 1921 bis um 1960 innehatte.
Zeitzeugen berichteten, Pleßl habe 1944 einem abgesprungenen amerikanischen Piloten das Leben gerettet, in dem er einem heraneilenden NS-Funktionär die Waffe abnahm. Bescheiden bestritt er später beim Entnazifizierungsverfahren jedoch eine große Beteiligung an dem Vorfall. Nach dem Krieg war er einer der treibenden Kräfte, die das gesellschaftliche Leben in Neufahrn wieder angekurbelt haben. Er trieb die Wiedergründung des katholischen Burschenvereins an, war aktiver Regisseur im örtlichen Theater und führte den Meistertrunk beim Maibaumaufstellen ein.

Ein besonderer Dank gilt hiermit dem Heimat- und Geschichtenverein Neufahrn für die ausführliche Recherche und die bereitgestellten Bilder zu diesem Bericht.


Für Sie berichtete Katharina Raeck.

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