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Die unbekannten Tiefen der zwischenmenschlichen Kommunikation

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 15. November 2019

Der Schauspieler Daniel Friedrich liest in der Neufahrner Bibliothek

Rund 70 Literaturbegeisterte füllten am 22. November das Neufahrner „Bibliotheksschiff“ bis zum letzten verfügbaren Sitzplatz. Der Schauspieler Daniel Friedrich, dem Fernsehpublikum aus zahlreichen Filmen und Serien bekannt, war mit drei Erzählungen im Gepäck nach Neufahrn gekommen. In jeder einzelnen ging es um Kommunikation, dies allerdings in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlichem Ausgang. Ein Satz aus der ersten vorgelesenen Novelle, der dem Abend den Titel gab, gilt jedoch für alle drei Geschichten, nämlich die Frage: „Ob jeder seine sechs unsichtbaren Siebtel hat wie der Eisberg?“. Nichts ist wie es anfangs scheint und erst im Laufe der Gespräche kommen ganz allmählich die unterschiedlichsten Geheimnisse zutage.

In „Herr und Frau S. in Erwartung ihrer Gäste“, geschrieben von Siegfried Lenz im Jahr 1970, hört das Publikum dem Ehepaar Anne und Henry zu, das zu seinem achten Hochzeitstag Gäste eingeladen hatte unter der Bedingung, dass keiner den Gast des anderen kennt. Über Schnittchen, Salatblättern und Getränkevorrat entwickelt sich ein Dialog, in dem nach und nach dramatische Wahrheiten enthüllt werden.

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Daniel Friedrich stellt in seiner Lesung die Frage nach den „sechs unsichtbaren Siebteln des Eisbergs“.

Auch die zweite Novelle stammt aus der Feder von Siegfried Lenz: „Die Flut ist pünktlich“ aus dem Jahr 1953. Erneut ein Dialog, dieses Mal zwischen einer Frau und ihrem Geliebten, und auch hier geht es um Geheimnisse und Betrug. Hier gibt es allerdings auch noch einen „unsichtbaren“ Dritten, nämlich den Ehemann der Frau, der von einer Wattwanderung trotz seiner gewohnten Pünktlichkeit und seines Wissens um Ebbe und Flut nicht rechtzeitig zurückkehrt. Erst der letzte Satz enthüllt den verblüffend einfachen aber dramatischen Grund.

In seinem Bestseller „Verbrechen“ beschreibt Ferdinand von Schirach Fälle aus seinem Beruf als Anwalt. In diesem Buch findet man die Erzählung „Der Igel“, die Daniel Friedrich als dritte vorlas. Die zahlreichen Söhne einer libanesischen Familie können alle bereits ein beachtliches Vorstrafenregister aufweisen. Einer von ihnen steht erneut vor Gericht, und Karim, der jüngste Bruder - er macht einen etwas zurückgebliebenen Eindruck - soll als Zeuge aussagen. Doch auch er hat ein Geheimnis, er ist hochbegabt und führt ein Doppelleben. Dank seiner Pfiffigkeit gelingt es ihm, dem Prozess eine überraschende Wendung zu geben.

Nach der etwas verhaltenen Dramatik der beiden Erzählungen von Siegfried Lenz erweckte Daniel Friedrich in der Geschichte „Der Igel“ die Personen in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit zum Leben und zeigte sich damit noch deutlicher als vor der Pause als der erfahrene Schauspieler, der das Publikum nicht nur fesseln, sondern auch erheitern kann.

Hochkarätige Literatur, professionell und unterhaltsam vorgelesen! Der Genuss wäre noch größer gewesen, hätte Friedrich nicht immer wieder seine Stimme auf „Zimmerlautstärke“ abgesenkt, was das Zuhören und Verstehen insbesondere für die Gäste in den hinteren Reihen anstrengend machte.

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Mit ihrem Cello sorgt Gisela Auspurg für die passende musikalische Umrahmung.

Stimmungsvoll eingerahmt wurde die Lesung mit Musik von Wolfgang Fornter, Max Reger und Hans Werner Henze, gespielt von der Cellistin Gisela Auspurg. Das Publikum bedankte sich bei den beiden Künstlern mit kräftigem Applaus für den eindrucksvollen Abend.

Für Sie berichtete Maria Schultz.

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