lesen-sie-auch-andere-ortszeitungen Oberdinger Kurier Logo echinger-echo haarer-echo herrschinger-spiegel mooskurier

"Der Angstschweiß bricht mir aus allen Poren."

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 11. Oktober 2014

Ein schaurig-schöner Abend in der Neufahrner Gemeindebibliothek

(Text/Fotos:mas) Dunkelheit, nur sparsam erhellt von Kerzen, geheimnisvolle Gesänge aus dem Hintergrund; gemessenen Schrittes erscheint eine Gestalt im schwarzen Mantel, den Zylinder auf dem Kopf, ein großes Buch unter dem Arm. „Ich wollte vergessen…“. Mit diesen Worten hält der Schauspieler Stefan Schael inne und wendet sich den Zuhörerinnen und Zuhörern zu, die zu der Lesung mit Texten von Edgar Allan Poe in die Gemeindebibliothek gekommen sind.

„…doch nun sind Sie hier, und Sie sind neugierig.“ Langsam und mit leidender Miene setzt er sich an den schwarz verhüllten Tisch, schlägt das mächtige Buch auf und beginnt mit verhaltener Stimme zu lesen. Bereits die ersten Sätze von „Grube und Pendel“ lassen Gänsehautatmosphäre aufkommen. Die detaillierte Beschreibung der Grausamkeiten, die das Opfer der inquisitorischen Mönche im Kerker erdulden muss, erzeugt atemlose Stille. Das unheimliche Verlies, die umherhuschenden Ratten, und das messerscharfe Pendel, das langsam von oben herabkommt - der Ich-Erzähler schildert alles in quälender Genauigkeit, den sicheren Tod ständig vor Augen.

Schael lässt die Zuhörer hautnah miterleben, wie sich der Gefangene fühlt. Grauen und Verzweiflung zeigen sich in seinem Gesicht, ein lauter Schmerzensschrei lässt die Zuhörer erschreckt zusammen fahren. Und immer wieder die unheimlichen Geräusche, die monotonen Gesänge. Man spürt die Qual, ständig beobachtet zu werden und dem drohenden Ende durch immer neue Foltermethoden entgegen zu sehen. Doch der zum Tode Verurteilte gibt nicht auf, mit einer List bringt er die gefräßigen Ratten dazu, seine Fesseln zu zernagen. Im allerletzten Moment wird er von den Gegnern der Inquisition gerettet, bevor ihn das scharfe Pendel in zwei Teile spalten kann. Hörbares Aufatmen.

Poe 1

„Es ist das Schlagen dieses fürchterlichen Herzens“ Schauerromantik von Edgar Allan Poe, gelesen von Stefan Schael, Schauspieler und Sänger

Ein Ende des Grauens ist nicht in Sicht, denn ehe sich Schael zurückzieht, kündigt er düster an: „Ich komme wieder.“

Nach der Pause lässt uns das Gedicht „Der Rabe“ an den Seelenqualen eines verlassenen Liebhabers teilhaben, ehe Schael mit der Kurzgeschichte „Das schwatzende Herz“ noch einmal kräftig Gänsehaut erzeugt. Detailliert schildert da einer in quälender Langsamkeit Vorbereitung und Durchführung des Mordes an einem lieben alten Mann, dem nur sein unerträglich blaues Auge zum Verhängnis wurde. Das Hochgefühl nach dem Tod des alten Mannes hält nicht an, denn das verzweifelt pochende Herz des Opfers gibt keine Ruhe, bis es er Mörder es nicht mehr aushält und sich selbst stellt.

„Meine Zähne klapperten“, klagt der Erzähler in einer der Geschichten – das können die Zuhörer ganz bestimmt nachfühlen, denn die genüsslich ausgemalten Einzelheiten von Folter und Mord lassen es an Deutlichkeit nicht fehlen. Mit sparsamen Gesten und dem meisterlichen Einsatz von Stimme und Mimik entführt Stefan Schael die Zuhörer in finstere Abgründe. Flackerndes Kerzenlicht und die vorbeihuschenden Lichter der Autos tragen dazu bei, die Gemeindebibliothek an diesem Abend zu einem Ort des Grauens zu machen, der das Publikum angenehm erschauern lässt.

Um die nötige Stabilität der Nerven wieder herzustellen, steht anschließend schaurig-wohlschmeckende Kürbissuppe bereit, zubereitet von den Mitarbeiterinnen der Bücherei. Gestärkt und mit einem wohligen Gruselgefühl kann es danach auf den nächtlichen Heimweg gehen.

Poe 2

Zur Nervenstärkung gab es schaurig-gute Kürbissuppe, freundlicherweise zubereitet von den Mitarbeiterinnen der Gemeindebibliothek.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok