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„Wir waren eine ganz normale Familie.“

Kategorie: Kinder / Jugend Veröffentlicht: 15. Februar 2020

Zeitzeuge Abba Naor im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern des OMG

Geschichtslehrerin Gisela Schauz begann die Veranstaltung mit einer beunruhigenden Information: "Im Zeppelingebäude wurde eine Hakenkreuzschmiererei entdeckt." Das habe Entsetzen und Unverständnis ausgelöst. Und sie richtete deshalb einen eindringlichen Appell an die Jugendlichen: „Achtet darauf, dass Werte wie Toleranz die Grundlage unseres Lebens und der Demokratie bleiben.“

 

Abba Naor musste die Schrecken des Holocaust am eigenen Leib erfahren. Zwar kam er mit dem Leben davon, aber seine gesamte restliche Familie wurde von den Nazis ermordet. Bereits seit mehreren Jahren kommt Herr Naor regelmäßig ins Neufahrner Gymnasium, um den Schülerinnen und Schülern über sein Leben zu erzählen. 

„Wir waren eine ganz normale Familie, Vater, Mutter und drei Kinder“ beginnt er, „wir hatten nur eine andere Religion.“ Die Familie Naor lebte in Kaunas/Litauen. Seine Kindheit war schön, aber sie endete abrupt, als die Jagd auf die Juden begann. Bereits in den ersten Jahren kamen dort Tausende von jüdischen Mitbürgern ums Leben, darunter auch sein großer Bruder, der doch eigentlich nur etwas zum Essen auftreiben wollte.

Es folgten das Leben in der Enge des Ghettos und dann der Abtransport ins KZ. Abba Naor erzählt bedrückende Einzelheiten vom Leben im Lager und er erinnert sich genau an das Datum, als er durch Zufall seine Mutter mit dem kleinen Bruder auf dem Arm sieht und mit erschreckender Sicherheit weiß, dass dies das letzte Mal ist, Mutter und Bruder kamen in Auschwitz ums Leben. Für ihn folgte eine Zeit, in der er in verschiedenen Lagern Schwerstarbeit verrichten musste und die mit dem Todesmarsch von Dachau endete.

Dass er inzwischen 92 Jahre alt ist, merkt man ihm kaum an, sein Vortrag ist genauso klar und eindringlich wie immer. In den langen Pausen, die er zwischen seinen Sätzen einlegt, ist kein Laut in der Aula zu hören, Aufmerksamkeit und Spannung sind groß.

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Zeitzeuge Abba Naor spricht im OMG  über die schrecklichen Erlebnisse seiner Jugend im Ghetto, im KZ und auf dem Dachauer Todesmarsch.

Nach seinem Vortrag durften die Schülerinnen und Schüler Fragen an ihn stellen. Bemerkenswert war, wie behutsam die jungen Menschen ihre Fragen formulierten, das Bedürfnis, mehr zu wissen, seine Gefühle zu erfahren, ihn jedoch nicht zu verletzen, war spürbar. Dabei zeigte sich, wie gut sich die Jugendlichen vorbereitet und wie intensiv sie sich mit diesem Thema auseinandergesetzt hatten. „Empfinden Sie Hass auf uns Deutsche?“ wurde gefragt. „Nein, ihr seid doch nicht dabei gewesen“, sagt Abba Naor, und ergänzt leise, „die haben nicht mal Hass verdient!“ Und auf die Frage einer Schülerin antwortet er, dass er viele Jahre nicht über diese Ereignisse in seinem Leben sprechen konnte, auch nicht mit seiner Familie.

Mit einer beeindruckenden und berührenden Ansprache bedankte sich Schülersprecher Nicholas Wilke bei Abba Naor und überreichte eine Geldspende für die "Association of Survivors Landsberg/Kaufering Outer Camps of Dachau."

Für Sie berichtete Maria Schultz.

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