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„Ich hatte leider nicht die Möglichkeit, lange Kind zu sein.“

Kategorie: Kinder / Jugend Veröffentlicht: 26. Februar 2015

Zeitzeuge Abba Naor berichtet im OMG eindrucksvoll und bewegend über seine Jugend in Ghetto, KZ und Arbeitslager

(Text/Foto: mas) "Ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft." Mit diesem Zitat von Roman Herzog beginnt Abba Naor seinen Vortrag im Neufahrner Gymnasium. Bereits zum zweiten Mal hatte Geschichtslehrerin Gisela Schauz den Zeitzeugen Abba Naor eingeladen. Eineinhalb Stunden lang erzählt er den 200 Schülerinnen und Schülern der 9. und 11. Jahrgangsstufe eindrucksvoll und bewegend von seiner Kindheit und Jugend in Litauen, die auf brutale Weise beendet wurde, als er gerade erst 13 Jahre alt war. Vier lange Jahre voller Schrecken, Hunger, Mord und Verfolgung musste er durchleben und durchleiden, ehe er mit 17 Jahren im Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit wurde.

 „Wir waren eine ganz normale Familie“ berichtet er, „Vater, Mutter und drei Söhne.“ Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 bereitete dem normalen Leben schlagartig ein Ende. Die eigenen Landsleute machten Jagd auf die Juden, Tausende wurden in den ersten Tagen auf offener Straße erschlagen. „Der Holocaust begann in Litauen“ so Abba Naor.

Er zeigt erschreckende Bilder vom Leben im Ghetto in Kaunas und von den Massakern in Litauen. Von 25.000 litauischen Juden überlebten vier Prozent den Krieg. „Wie konnte es geschehen, dass Menschen, mit denen wir jahrelang zusammengelebt hatten, die ersten waren, die ihre jüdischen Nachbarn umbrachten? Ich verstehe es bis heute nicht“.

Er beschreibt die Verzweiflung, als der große Bruder vom Einkaufen nicht mehr nachhause kam und keiner wusste, was mit ihm geschehen ist. „Wahrscheinlich wurde er erschossen.“ Und erzählt von den Müttern, deren Kinder abtransportiert wurden. „Stellt euch vor, da kommen Mütter von der Arbeit heim und ihre Kinder sind nicht mehr da!“

Die Spannung, mit der alle zuhören, ist deutlich spürbar. Kein Laut ist zu hören außer der Stimme von Abba Naor, kein Flüstern, kein Husten. Naor versteht es sehr gut, die Gefühle der Schülerinnen und Schüler anzusprechen, kein Wunder, sind sie doch im selben Alter wie er damals war, als sein Leben diese grauenvolle Wendung genommen hat.

„Es ist nicht einfach, das zu hören, aber es ist auch nicht einfach, das zu erzählen“ bemerkt er wiederholt. Und er ergänzt „das ist meine Geschichte, ich habe keine andere“.

Anhand drastischer Details lässt er die Jugendlichen an seinem Leben im KZ teilhaben, wo er die Mutter und den kleinen Bruder zum letzten Mal sah. Beide verlieren in Auschwitz ihr Leben. Abba Naor wird nach Utting verlegt und dann nach Kaufering, einem der schlimmsten der Dachauer KZ-Außenlager. Dort muss der Junge Schwerstarbeit verrichten, umgeben von Leichen, und selbst ständig bedroht vom Tod durch Willkür oder Entkräftung.

Zeitzeuge

von links: Franz Vogl (Schulleiter), Abba Naor, Johannes Baumgardt (Schulsprecher), Lea Kirchmann (Schulsprecherin), Gisela Schauz (Geschichtslehrerin)

120 bis 150 Schulen besucht der rüstige 87-jährige pro Jahr, um die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Doch er beschränkt sich nicht auf seine grauenvollen Erfahrungen, er weiß auch von Menschen zu berichten, die den Mut hatten, einige wenige zu retten oder deren Leben etwas zu erleichtern. Und er spricht auch von seiner Hoffnung, dass sich für ihn alle Mühe gelohnt hat, wenn auch nur einer, der nach „rechts“ schaut, wieder geradeaus blicken kann.

Durch Fragen bezieht er die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder mit ein und es gelingt ihm, zwischendurch die fast mit Händen greifbare Anspannung mit einer humorvollen Bemerkung wieder zu lösen.

Zum Abschluss zitiert er Eisenhower, der in Bezug auf den Holocaust einmal gesagt hat „Es wird ein Tag kommen, da wird man es nicht glauben.“ Eindringlich fragt er die Jugendlichen „Wird er Recht behalten?“ und als viele betroffen nicken, ergänzt er „Zeitzeugen wird es bald keine mehr geben“, und er beschwört sie, „ihr seid dann die Zeitzeugen“.

Mit großem Beifall bedanken sich die Schülerinnen und Schüler für seinen bewegenden Vortrag. Die Schulbücherei darf sich über drei Exemplare seines Buches „Ich sang für die SS. Mein Weg vom Ghetto zum israelischen Geheimdienst“ freuen, die er mitgebracht hat. Lea Kirchmann und Johannes Baumgardt, Schülersprecher des OMG, danken dem erfreuten Gast im Namen der Schülerinnen und Schüler mit einer Geldspende für die "Association of Survivors Landsberg/Kaufering Outer Camps of Dachau“, die ihm sehr am Herzen liegt.

in seinen abschließenden Worten richtet auch Schulleiter Franz Vogl noch einmal einen dringenden Appell an die jungen Menschen: „Sorgt dafür, dass so etwas nie wieder passiert!“.

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