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Auf an Ratsch - Gitte de Voogt

Kategorie: Allgemeines Veröffentlicht: 15. November 2019

Neufahrn - wo 1946 noch 1.564 Einwohner gezählt wurden, leben heute über 19.000 Menschen. Der Dorfcharakter ist fast verloren gegangen und längst kennt nicht mehr jeder jeden. Um dem entgegenzuwirken, werden in   „Auf an Ratsch..." die bekannten und unbekannten Gesichter der Neufahrner Gemeinde vorgestellt.

Den Anfang macht Gitte de Voogt: eine Neufahrner Powerfrau, die das kulturelle und gesellschaftliche Leben in Neufahrn stark geprägt und mitgestaltet hat. Gitte empfängt mich gut gelaunt, so wie man sie eben kennt. Sie ist gespannt, was sie erwartet und ich bin es auch. Ich bin kein großer Theatergänger und die einzigen Vorstellungen, die ich je gesehen habe, waren entweder Schulaufführungen oder Peter Steiner´s Theaterstadl damals bei meiner Oma. Gitte ist das genaue Gegenteil von mir, sie lebte das Theater und war 40 Jahre lang in der „Neufahrner Laienspielgruppe e.V." mehr als nur vertreten. Heute berichtet sie mir aus ihrem Leben in Neufahrn und den Anfängen und Erfolgen, des weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannten Vereins.

Gitte wurde als Brigitte Sobotzki, 1954 in München geboren. Wie der Name bereits vermuten lässt, waren Gittes Eltern Kriegsflüchtlinge. Die Mutter aus Schlesien, der Vater aus Ostpreußen. Gitte wuchs mit einer großen Schwester und zwei kleineren Brüdern in Massenhausen auf. 1966 zog die Familie dann nach Neufahrn-City, wo Gitte und ihre Schwester noch heute ihren Lebensmittelpunkt haben. Schon als Kinder waren die Beiden unzertrennlich und auch heute genügt ein Blick und die Zwei verstehen sich ohne große Worte. Die Schwestern besuchten damals die sog. Verbandsschulen:
Die Grundschulklassen waren zusammengelegt und je nach Jahrgangsstufe in den umliegenden Bezirken verteilt. Die 1. und 2. Klasse war beispielsweise in Giggenhausen, die 5. und 6. Klasse in Fürholzen. Auch einzeln abgetrennte Klassen gab es damals noch nicht. Mehrere Klassen und Jahrgangsstufen mussten sich einen Raum teilen. „Manchmal war es ganz schön nervig, den Kleineren andauernd vorlesen zu müssen", erinnert sich Gitte schmunzelnd zurück. Es war eine andere Zeit damals. Damals, als es in Neufahrn noch keinen einzigen Supermarkt gab. Lediglich zwei Kramerläden sicherten den täglichen Bedarf. Der Bahnhof war noch ein kleines Gebäude mit einer einfachen Bahnschranke und nicht der imposante Bau, wie wir ihn heute kennen. „Es war eine Zeit, in der es für Mädchen nicht selbstverständlich war eine Ausbildung zu machen. Die freie Berufswahl gab es nicht, wir nahmen das was uns angeboten wurde", erklärt mir Gitte.

1968

Gitte und ihre Schwester Monika 1968

Die ältere Schwester Monika begann eine Ausbildung zur Friseurin, Gitte eine als Verkäuferin - heute wäre die richtige Bezeichnung wohl Metzgereifachverkäuferin.
Das Schicksal sollte die Schwestern auch hier nicht trennen und so lagen die beiden Ausbildungsstätten direkt gegenüber auf der Bahnhofstrasse. Die Mittagspausen wurden natürlich immer gemeinsam verbracht. Die Schwestern wuchsen zu jungen Frauen heran und kurz nach dem Ende ihrer Ausbildungen sollten sie auch die Liebe treffen. Monika traf ihren Zukünftigen zuerst. Frischverliebt konnte diese den bereits gebuchten Spanienurlaub natürlich nicht antreten und so ließ sie ihrer damals 17-jährigen Schwester den Vortritt. Dass diese mit einem Niederländer im Gepäck wieder nach Hause kommen sollte, ahnte damals natürlich noch niemand.
Schon 1971 schwamm die fussballspielende Gitte gegen den Strom und aller Widerworte zum Trotz feiert sie heute mit ihrem Fred 45 Jahre Eheglück. „Als ich hierher kam, hatte Neufahrn noch nicht mal 10.000 Einwohner", erzählt Fred, der für seine Gitti Rotterdam den Rücken kehrte. „Wir wussten damals selbst noch nicht, wohin unsere Reise geht, aber zusammen konnten wir alles schaffen", berichtet das Ehepaar heute. 4 Jahre nach ihrer Hochzeit, 1978, lasen die beiden dann in der örtlichen Zeitung von der Gründung der „Neufahrner Laienspielgruppe e.V." und folgten dem Aufruf nach Mitwirkenden prompt. Gitte kam nicht ohne ein Amt inne zu haben nach Hause. Sie startete als Schriftführerin, wurde aber schnell in den Vorstand gewählt, welchem sie über 40 Jahre lang angehören sollte. Fred widmete sich indes seiner Fußball Leidenschaft. Erst 1995 sollte auch er als aktiver Laienschauspieler auf der Bühne stehen.

Fred

Noch heute erinnern sich die Neufahrner an den bayrisch-sprechenden Holländer

Die erste Aufführung im April 1978 – eine kleine Ansammlung von Sketchen – im ehemaligen Sportheim des FC Neufahrns, war bereits ein voller Erfolg. Ein halbes Jahr später folgten weitere Aufführungen im Fischerwirt (heute Gasthaus Gumberger).

 

"Das kulturelle Angebot war damals so gut wie noch gar nicht vorhanden. Die Menschen lechzten nach Unterhaltung und einer Ablenkung vom manchmal schweren Alltag."

 

Schon zu Beginn der Vereinsgeschichte waren die Aufführungen mit rund 200 Gästen immer gut besucht, meist sogar ausverkauft. Sogar im alten IKEA-Restaurant führte der Verein seine Stücke auf. Extra dafür wurde ein Shuttle- Bus für die Besucher eingerichtet - für damalige Verhältnisse fast unvorstellbar. Ohne feste Spielstätte zog der Verein aber wieder weiter. Diesmal sollten sie in Massenhausen landen, im Landgasthof Hepting. Der damalige Saal für 400 Personen wurde meist ebenfalls problemlos gefüllt.
„Das Feedback war herrlich. Die Menschen waren begeistert und kamen teilweise sogar mehr als nur einmal zu einer Aufführung", erinnert sich Gitte. Der damalige Bürgermeister, Gerhard Michels, erkannte das Potential des Vereins und holte die Laienspielgruppe zurück nach Neufahrn. Die alte Halle sollte zukünftig als Spielstätte dienen. Die ehemalige Turnhalle konnte nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen umgebaut und gestaltet werden. Ohne die Unterstützung der Gemeinde und der Hilfe der vielen ehrenamtlichen Helfer wäre das wohl nicht so einfach gewesen. „Gerade das Miteinander machte unseren Verein so Besonders", lächelt Gitte stolz. Sie erinnere sich gerne an diese Zeit zurück. Auch ihre Familie unterstützte Gitte stets. Monika übernahm die Rolle der Stylistin und auch Gittes Kinder und Enkel beteiligten sich aktiv am Laienschauspiel. Egal ob als Akteurin, Kostümbildnerin oder Spielleiterin, Gitti blieb dem Verein immer treu und steckte all ihr Herzblut in die Aufführungen. „Es gab ja immer etwas zu tun. Ich nähte die Kostüme, übernahm die Organisation und reinigte auch mal die Toiletten, wenn es sein musste", berichtet sie.

Gitte

Egal ob vor oder hinter der Bühne, Gitte war stets engagiert dabei.

 

Auch Schicksalsschläge ließen sie nie von ihrem Kurs abweichen. Trotz dem Verlust ihrer beiden Eltern innerhalb kürzester Zeit, stand Gitte auch im Jahr 1989 vor und hinter der Bühne. „Es war schon manchmal sehr anstrengend, aber ein Blick ins Publikum genügte, um neue Energie zu tanken.", resümiert die Powerfrau. 1990 wagte das Ehepaar dann den Schritt in die Selbstständigkeit – 1992 bauten sie an der Lohe ein Eigenheim. Wie sie Arbeit, Familie, Privatleben und die Vereinsarbeit unter einen Hut gebracht habe, wisse sie heute selbst nicht mehr genau.

„Ich habe nie darüber nachgedacht, ich war immer eine Macherin."

1985 nahm Gitte all ihren Mut zusammen und sprach den, heute noch bekannten, Neufahrner Maler Hans Frauenhofer an. Dieser war begeistert von Gittes Idee von nun an die Bühnenbilder der Laienschauspieler zu gestalten. Noch heute imponieren die stets ausgefallenen Bühnenbauten, die mit den gemalten Hintergründen Frauenhofers nun vollends abgerundet wurden. Nicht nur die Aufführungen wurden von dem Verein gestemmt, auch Sommer- und Weihnachtsfeste, sowie Ausflüge in die Region waren fester Bestandteil des
Vereinslebens. 1991 kam dann neben dem Kindertheater auch die Idee zur „lebenden Krippe" hinzu. Anfang der 90ziger Jahre stürmte „der verkaufte Großvater" durch Bayern. Auch die Neufahrner sollten dieses Stück spielen, doch der gewohnte Erfolg blieb aus. „Einmal in 40 Jahren kann man aber einen Flop gut verkraften. Die Menschen hatten das Stück einfach schon zu genüge gesehen.", erklärt Gitte den ausbleibenden Erfolg. Die großen Highlights aber waren die Jubiläums- Vorstellungen. Zum 20jährigen Bestehen wurde „der Brandner Kasper" gespielt – zum 25jährigen „der Holledauer Schimmel" und zum 30jährigen Jubiläum „der Brandner Kasper" in Neufassung. Zwischen 40 und 50 Schauspieler, Akteure und Musiker waren stets involviert und der Erfolg zog weiter seine Kreise. Menschen reisten von weit an, um die neusten Neufahrner Stücke zu sehen. „Der Erfolg ist jedem Einzelnen zu verdanken. Ohne so eine tolle Mannschaft, hätten wir nie solche Erfolge verbuchen können.", erklärt Gitte bescheiden. Aus Neugier schrieb Gitte 1990 den Theaterautoren Peter Landsdorfer an und arbeitete von da an regelmäßig mit ihm.

"Landsdorfer hat die Theaterbühnen revolutioniert."

Aus den damals gängigen 3 Stunden Stücken wurde plötzlich eine 2 Stunden Aufführung inkl. Pause. Auch die Anfänge des interaktiven Theaters wurden in Neufahrn erprobt.
Egal ob Bürgermeisterwahl, im Publikum sitzende Akteure oder in den Saal fahrende Motorräder – immer gab es etwas Neues, Ungesehenes in der Gemeinde. Gitte hat ihr Herz dem Theater verkauft.

Fein säuberlich sind alle Aufführungen dokumentiert worden und so zeigt sie mir stolz die Bildbände zu den Aufführungen. Früher noch in mühsamer Kleinstarbeit selbst zusammen gebastelte Fotoalben, ragen zwischen den Fotobüchern der Neuzeit hindurch. Bei dem „Elädrischen" 2011 bleiben wir hängen – ebenfalls ein Landsdorfer- Stück. Es beschreibt die Zeit als der Strom Einzug in den ländlichen Gegenden hielt.
Es bricht mit alten Konventionen, beschreibt den Spagat zwischen der alten und der jungen Generation und findet wieder nicht nur auf der Bühne statt. „Wir haben Stromleitung quer durch den Saal gelegt, die Leute wie immer mit einbezogen", noch heute erkennt man das Funkeln in Gittes Augen, wenn sie über die Aufführungen spricht. Auch Ausflüge zum Film wurden gemacht und so wurden die Besucher „der Gwandlaus"
2007 mit einem selbstgedrehten Kurzfilm begrüßt. Die „Pflege des Mundart-Theaters", welche in der Satzung des Vereins festgelegt war, wurde zu 100% beherzigt. So lagen alle Drehorte zum Film in und um Neufahrn, ebenso wie die Schauspieler und Statisten, welche alle aus der Region stammten.
Rund 60 Aufführungen spielten die Neufahrner in 40 Jahren Vereinsgeschichte - für Laienschauspieler eine beachtliche Summe. Die letzte Aufführung sollte der Verein mit den Wahllumpen im Herbst 2016 spielen. Auf Grund des 40-jährigen Jubiläums 2018 pausierte die Gruppe. Doch dann kam die Aufforderung der Gemeinde die Räumlichkeiten zeitnah zu räumen, da die alte Halle geschlossen werden sollte. Auf Grund dieser Situation traten Gitte und Horst Reng aus der Vorstandschaft zurück. Da sich keine Nachfolger zur Wahl stellten, schloss der Verein seine Tore 2018 für immer. Eine Ära ging zu Ende. „Am schlimmsten war für mich, dass wir uns nicht von unserem geliebten Publikum verabschieden konnten", meint Gitte heute traurig. Doch mittlerweile habe sie Frieden geschlossen und blicke nun gerne zurück auf die Zeit. Heute leben Gitte und Fred im Zentrum Neufahrns und gehen auch noch gern ins Theater, auch wenn Gitte noch immer mit einem Auge hinter die Bühnen blickt. „Nach 40 Jahren Laienschauspiel kann sie einfach nicht mehr, nur ins Theater gehen", lacht Fred. Man sieht, er ist stolz auf seine Frau. Die Beiden blicken heute auf zwei Kinder und mittlerweile 5 Enkelkinder zurück. Bei allem Einsatz für das Theater war Gitte aber immer in erster Linie Mutter. „Die Familie kam und kommt immer an erster Stelle", erklärt sie. Umso mehr genieße sie nun die Zeit im Kreise ihrer Liebsten.

Gitte und Fred

45 Jahre Ehe verbindet die beiden.

Ich verabschiede die Beiden und lasse guten Kaffee und einen voll bepackten Frühstückstisch hinter mir und verspüre den dringenden Drang mal wieder ins Theater zu gehen. Der Funke ist übergesprungen und Katja Epstein´s Melodie verfolgt mich noch lange....
„Theater, Theater, der Vorhang geht auf..."

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Für Sie berichtete Katharina Raeck.

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