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„Ohne Nebenwirkung keine Wirkung!“

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 14. März 2018

Ein heiterer Abend mit Jaromir Konecny, Schriftsteller, Kabarettist und Poetry Slammer

In Prag geboren und aufgewachsen, arbeitete Jaromir Konecny u.a. als Arbeiter in der Metallindustrie, als Schiffsmeister bei der Elbe-Oder-Schifffahrt und als Techniker in Libyen, ehe er 1982 in die Bundesrepublik Deutschland emigrierte und für ein Jahr in einem Sammellager in Niederbayern landete. In München studierte er Chemie und promovierte. Doch nach einigen Jahren als Wissenschaftler entschloss er sich, seinen Traum zu verwirklichen und als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Seine Jugendromane haben eine breite Leserschaft, einer davon, „Doktorspiele“, wurde sogar verfilmt. Auch bei Poetry Slams machte er sich einen Namen, gewann zahlreiche Wettbewerbe und wurde sogar zweimal deutscher Vizemeister.

In seinem neuesten Buch „Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Nemec“ verarbeitet der 61-jährige seine Erlebnisse in der Unterkunft, seinen Kampf mit Bürokratie und Behörden und die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Der Roman ist zwar in vielen Details autobiografisch, doch sein Leben verlief längst nicht so unterhaltsam und heiter wie bei seinem Helden Lolek Nemec.

„Volles Haus“ konnte Leiterin Michaela Reidel feststellen, als sie am 9. März den Schriftsteller und Kabarettist Jaromir Konecny zu einem Leseabend in der Gemeindebibliothek begrüßte.

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„Jetzt bin ich 35 Jahre in Deutschland und kann immer noch nicht Deutsch. Bin aber deutscher Schriftsteller.“ – Ein heiterer Lese- und Erzählabend mit Jaromir Konecny

Mit seinem unvergleichlichen tschechischen Akzent legte er sogleich los und berichtete aus seinem reichen Erfahrungsschatz. „Deutsch habe ich in der Asylbewerberunterkunft gelernt, aus Horror-Romanheftchen“, erzählt er und weist gleich darauf auf die Besonderheiten seiner Muttersprache hin: „Im Tschechischen geht es um ‚echte‘ Konsonanten, wo sich beim Anflug aus dem Hirn die Zunge wie ein Rollmops rollt.“ Argwöhnisch stellt er fest, „die Umlaute wurden von den Deutschen erfunden, um die Kommunikation zu erschweren“ und führt zur Erheiterung des Publikums seine zungenbrecherischen Ausspracheübungen vor.

Er liest „urbane Legenden“ vor wie jene, in der ein Tscheche bei dem Versuch, mit einer Münchnerin anzubandeln, mit der „Rache der Radieschen“ konfrontiert wird, oder die Story vom Hamster, der beim Flugversuch mit Fallschirm im Schlafzimmer eines älteren Ehepaars landet. Absurd und lachkrampfverursachend! Er gesteht, dass er seine Inspirationen gelegentlich aus alten Grabinschriften bezieht, „Poetry Slam aus dem frühen 19. Jahrhundert.“ Und er erinnert sich auch an positive Aspekte im Sozialismus, wie z.B. das Schlangestehen. „Das war die beste Partnerbörse“ und „die einzige Möglichkeit zum Zusammenrotten“.

Dringend legt er dem Publikum seine Methode der „adulten Hypogenese“ ans Herz, die das Gehirn wieder auf Trab bringen soll. Die gemeinsam geübte komplizierte Bewegungsabfolge mit Faust, Daumen und kleinem Finger empfiehlt er für regelmäßiges Training, „nach zwei Wochen merkst du, dass die Gehirnmasse zunimmt.“ Und während er Bälle fliegen lässt, beruhigt er jonglierende Anfänger mit der einfachen Regel: „Du musst mehr Bälle werfen, als du Hände hast.“

Bei aller Heiterkeit ist ihm jedoch wichtig: „Die Menschen auf der ganzen Welt sind gleich!“ Er liest einige Kapitel vor aus seinem Roman über den ehemaligen Flüchtling Nemec und es überrascht nicht, dass sein Buch an diesem Abend reißenden Absatz findet.

Als man sich dann nach dem letzten seiner vielen tschechischen Witze die Lachtränen aus den Augen gewischt hatte, waren endlich beide Hände frei, um so lange und so laut zu klatschen wie Jaromir Konecny es verdient hatte. Und eine Zuschauerin meinte ganz zum Schluss: „Er plaudert und man hat das Gefühl, man kennt ihn schon ewig.“

Für Sie berichtete Maria Schultz.